Das 4. Storytelling Camp in Stuttgart: Wie funktioniert fiktionales Storytelling?

 In Storytelling

Der zweite Teil des Storytelling Camps befasste sich mit dem Thema fiktionales Storytelling (hier gehts zum ersten Teil). Hierzu fanden ebenfalls drei spannende Vorträge statt. Direkt nach der Mittagspause berichtete die Jugendbuchautorin Adriana Popescu über das Schreiben von Romanen.

Romane schreiben kann jeder, wäre da nur nicht diese Arbeit

Was genau die Arbeit beinhaltet erklärte sie am Beispiel der Figuren einer Geschichte. Diese müssen sehr detailliert ausgearbeitet sein, um eine interessante Charakterentwicklung zu ermöglichen. Diesen Ansatz nennt man „character-driven story“, da der Leser eher der Personen in der Geschichte folgt. Dem gegenüber steht die „plot-driven story“, bei der die Handlung im Mittelpunkt steht.

Zum Thema Spannung und Handlung verweist Popescu auf Konflikte. Es gibt äußere und innere Konflikte, sowie Haupt- und Nebenkonflikte. Der Hauptkonflikt sollte erst am Ende der Geschichte gelöst werden. In den einzelnen Kapiteln sollte die Hauptfigur aber immer kleineren, lösbaren Konflikten begegnen, so baut sich mehr Spannung auf.

 

Entlang von Stereotypen – die Kunst vielfältig zu erzählen

Spannend war auch der Vortrag von Johanna Faltinat und Leticia Milano vom „Büro für vielfältiges Erzählen“. Laut der Expertinnen würden Menschen mit Behinderung, Frauen in bestimmten Kontexten, LGBTQ-Leute, farbige Menschen, nicht-traditionelle Familien, alte Leute und Kinder oft nicht Geschichten repräsentiert werden. Jedoch sprechen wir hier keineswegs von kleinen Minderheiten – denn allein jede vierte Person in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Weshalb Geschichten oftmals nicht vielfältig sind, liegt daran, dass wir in der Regel bevorzugt unter Gleichen leben und Medien wählen, die zu uns passen.

Stereotypen existieren zu jeder Kultur, auch zu den Deutschen. Gibt man „Cartoon German Man“ in die Google-Bildersuche ein, erscheint eine Flut an bayrischen, lederhosentragenden und biertrinkenden Figuren – ein klassischer Stereotyp also. Doch was als „normal“ angesehen wird, ist nicht frei wählbar, sondern wird von einer Gruppe definiert, die die Macht dazu hat, dies in der Gesellschaft zu etablieren. Storytelling formt die Gesellschaft und andersrum, deshalb ist es wichtig die Stereotypen aufzubrechen, für mehr Vielfalt zu sorgen und so gegen Diskriminierung zu arbeiten.

Bad Banks & Co – Fiktionales Erzählen im ZDF

Den letzten Vortrag des Tages hielt Alexandra Staib, Fernsehredakteurin beim ZDF. Anders als bei den Streamingdiensten, muss beim öffentlich-rechtlichen TV-Sender 24 Stunden am Tag Programm geplant werden. Um auf dem Markt konkurrenzfähig bleiben zu können, werden sowohl die Strukturen beim ZDF allmählich aufgebrochen als auch der Redakteursberuf verändert. Die Referentin bekommt viele Filmformate eingereicht und entscheidet, ob und wo sie beim ZDF reinpassen würden. Sie begleitet die gesamte Entwicklung. Die Drehbücher werden mit den Drehbuchautoren zusammen weiterentwickelt, hier dient der Redakteur als Sparring-Partner. Bei Budgetverhandlungen und dem Figurencasting ist Frau Staib ebenfalls involviert. Sie bespricht auch Produktionsmuster, Schnitt und Musik mit dem Team. Der letzte Schritt für den Redakteur ist die Distributionsstrategie und die Vermarktung des Films oder der Serie. Die Mediathek beispielsweise stellt Serien und Filme on demand sowie zum Binge Watching zur Verfügung.

Insgesamt war das 4. Storytelling Camp eine lehrreiche und gelungene Veranstaltung mit interessanten Vorträgen und vielen guten Fragen. Ich freue mich bereits auf das nächste Storytelling Camp am 04.12.2020.

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