Zusammen gegen Corona #besonderehelden: Wie die deutsche Bundesregierung die Jungen adressieren möchte

 In Storytelling

„So wurden wir zu Helden. Damals in diesem Corona-Winter 2020.“
– Anton Lehmann, Im Einsatz 2020 in Chemnitz, Sachsen –

Spätestens seit März 2020 ist die Corona-Pandemie in Deutschland vollumfänglich angekommen. Wörter wie die AHA-Regel und Social Distancing ziehen sich durch die Gesellschaft und sind in aller Munde. Persönliche Treffen mit anderen Personen sowie soziale Präsenz-Kontakte müssen auf ein Minimum beschränkt werden, um die Ausbreitung von COVID-19 einzuschränken. Dabei sind besonders Jugendliche und junge Erwachsene gefragt, da diese zwar eher selten schwer an dem Virus erkranken, ihn aber auf Ältere übertragen können, die wiederum häufiger an vehementen Verläufen leiden.

Um diese jüngere Zielgruppe zu erreichen, wurden im Auftrag der Bundesregierung Mitte November 2020 (während der „zweiten Welle“) drei Video-Clips produziert. Man hatte sich dazu entschieden, diese in Zusammenarbeit mit der Werbeagentur Florida Reklame, die zum Unternehmen Florida Entertainment der Moderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf gehört, zu produzieren. Die Clips sind unter anderem auf der Plattform YouTube sowie der Website der Bundesregierung zu finden. Außerdem wurden sie auf einigen Sendern im linearen Fernsehen ausgestrahlt. Auf sozialen Netzwerken wie Instagram, Facebook und Twitter wurden die Videos fleißig geteilt und kontrovers diskutiert. In ihnen werden jüngere Menschen auf eine gezielt humorvolle, überzeichnete und ironisch überhöhte Art aufgefordert, zuhause zu bleiben. So könnten sie in diesen schwierigen Zeiten zu „besonderen Helden“ werden. In allen drei Videos wird Bezug auf das Metanarrativ Corona genommen. Dieses wird mit dem Ziel aufgegriffen, jungen Menschen in Zeiten der Pandemie, in der sie auf vieles verzichten müssen, ein besseres Durchhaltevermögen zu vermitteln.

„Opa erzählt vom Krieg“

Im betreffenden Video sitzt ein älterer, grauhaariger Herr mit Brille und Schnurrbart in seinem Sessel und berichtet: „Ich glaube, das war im Winter 2020, als das ganze Land auf uns schaute.“ Der Anfang des Clips erweckt das typische Bild, welches viele junge Menschen (v. a. der Generation Y und Z) im Kopf haben, wenn „Opa vom Krieg erzählt“. Diese Assoziation trifft somit genau die Zielgruppe der jungen Erwachsenen. Der alte Anton Lehmann spricht aus einem Zimmer mit gedimmtem Licht und altertümlichen Möbeln zu uns. Seine Kleidung und das gepflegte Äußere machen den Eindruck, als sei er ein einst erfolgreicher älterer Herr im Ruhestand. Der Beginn der Geschichte „Ich glaube, das war im Winter 2020, als das ganze Land auf uns schaute. Ich war gerade 22 geworden, studierte Maschinenbau in Chemnitz, als die zweite Welle kam,“ verstärkt den Eindruck vom erzählenden Großvater. Aus der Einblendung seines Namens und dem Zusatz „Im Einsatz 2020 in Chemnitz, Sachsen“ könnte man den Eindruck gewinnen, es handle sich um eine Dokumentation in Form eines Zeitzeugen-Interviews, in welchem Jahre später über die Pandemie berichtet wird. Melancholische Musik, Phrasen wie „unsere Couch war die Front und unsere Geduld war unsere Waffe“ unterstützen das Bild von einem älteren Herrn, welcher der Jugend über den zurückliegenden Krieg berichtet. Das erzeugt ein vertrautes Bild aus der Kindheit der jungen Erwachsenen, als diese den Geschichten ihres Großvaters lauschten bzw. dies noch heute tun.

Martialische Sprache

Das Wohnzimmer des Protagonisten Anton Lehmann wird in der Geschichte sowohl visuell (Spiegelung des Infernos in der Brille), als auch verbal durch eine martialische Wortwahl, zum „Kriegsschauplatz“. „Tage und Nächte lang blieben wir auf unserem Arsch zu Hause und kämpften gegen die Ausbreitung des Coronavirus.“ Das eigene Wohnzimmer ist allerdings im Vergleich zu einem tatsächlichen Kriegsschauplatz ein sehr komfortabler Ort, um etwas durch „Nichts“-Tun zu bekämpfen (bewusster Gegensatz). Zwar muss man auf liebgewonnene Gewohnheiten verzichten, aber es muss kein physischer Kampf ausgetragen werden.

Insgesamt wird durch Lehmanns Bericht das Bild von einem Kampf im Kopf der Zuschauer:in hervorgerufen. Dieser richtet sich gegen die „unsichtbare Gefahr“ – das Coronavirus. „Unsere Couch war die Front und unsere Geduld war unsere Waffe.“ Das Inferno im Zusammenhang mit der „unsichtbaren Gefahr“, die alles bedrohte, woran sie glaubten, sowie das Salutieren zur Begrüßung – um nur Einiges zu nennen, unterstützen das Bild von einem „Krieg“ zuhause.

Pars pro toto zum Übermitteln von Geschlossenheit

Anton Lehmann spricht während seiner Erzählung von „wir“ und „uns“. Es scheint, als spräche er für eine Gruppe von Menschen, denen zu Zeiten der Corona-Pandemie eine besondere Rolle bei der Virusbekämpfung zuteil geworden war. Dieses Stilmittel – ein Teil für das Ganze – wird auch als pars pro toto bezeichnet. Es impliziert ein Wir-Gefühl und man spürt, dass man in einer schwierigen Situation nicht allein ist. Unterstützt wird dies bspw. auch durch das Apell am Ende des Videos: „Werde auch du zum Helden und bleib zuhause. Zusammen gegen Corona.“ Der/die Zuschauer:in wird direkt angesprochen und eine Dringlichkeit des Handelns vermittelt.

Breite Wirkung

In Summe kann festgehalten werden, dass es die Bundesregierung mit der Kampagne Zusammen gegen Corona #besonderehelden geschafft hat, viele junge Menschen in Deutschland zu erreichen. Die Videos gingen vor allem in den ersten Tagen nach ihrer Veröffentlichung viral und wurden sogar in Meta-Diskussionen analysiert. Allein auf Steffen Seiberts Twitter-Konto wurden die Clips innerhalb der ersten 48 Stunden knapp zwei Millionen Mal angeschaut und der Hashtag #besonderehelden zählte auf Twitter am Veröffentlichungswochenende in Deutschland zu den am meisten Verwendeten überhaupt. So hat bspw. Justin Trudeau, der Premierminister Kanadas, das Video, welches aufgrund der hohen Nachfrage mit englischen Untertiteln existiert, auf Twitter geteilt. Das Ziel der Bundesregierung, mit den Clips national Aufmerksamkeit zu generieren, wurde demnach sogar übertroffen, da sie auch international Anklang fanden.

Die Bundesregierung hat es in Kooperation mit der Florida Reklame und deren Insights aus der Zielgruppe geschafft, durch bewusste ironische Überhöhung und mit humoristischen Elementen einen wichtigen Appell an die junge Bevölkerungsgruppe zu richten. Dies bezeugen zahlreiche Zuschauer:innen in dieser Altersgruppe. Die Videos sind – passend für die Zielgruppe – mit einem treffenden Augenzwinkern versehen.

Es gibt allerdings auch kritische Stimmen, die sich bspw. in vielen negativen Bewertungen auf YouTube niederschlagen: So würden die Menschen nicht ernst genommen werden, welche zum Arbeiten das Haus verlassen müssen und jene, die es sich nicht leisten können „nichts“ zu tun. Letzteres träfe nur auf eine kleine akademische, privilegierte Zielgruppe zu, und man mache sich zudem über die Opfer des Zweiten Weltkrieges lustig, die real kämpfen mussten. Außerdem fehle es der Bundesregierung an Selbstkritik in Bezug auf das eigene Krisenmanagement während der Corona-Pandemie. Probleme wie Einsamkeit, finanzielle Nöte, häusliche Gewalt oder die existentiellen Sorgen bspw. von Gastronom:innen und Kulturschaffenden hätte man in den Videos vollständig außer Acht gelassen. Fotos, Statements oder Video-Clips, die durch Teilen in sozialen Netzwerken in kürzester Zeit enorme Reichweiten erzielen und somit „viral“ gehen, sind inhaltlich häufig sehr prägnant und polarisierend. Dadurch entstehen häufig auch kritische Diskussionen zu dem behandelten Thema, die im positiven Fall zu einem konstruktiven gesellschaftlichen Diskurs führen.

Ob es bei dieser Form des Storytellings seitens der Deutschen Regierung für das Zielpublikum der Jugendlichen und jungen Erwachsenen langfristig bleiben und ob sich die von Jan Böhmermann gemeinte „Kommunikationsrevolution bei der Bundesregierung“ tatsächlich durchsetzen wird, muss man abwarten.

Zu den Videos

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