Storytelling in der Klimakommunikation

 In Storytelling

Wie lässt sich der Klimawandel erklären? Und wie könnte eine Erzählung über den Klimawandel aussehen, die verstanden wird und zu Handlungen anregt?

Diese Fragen werden immer dringlicher, umso mehr die konventionelle Klimakommunikation an ihre Grenzen stößt. Denn Jahrzehnte voller Nachrichten zu den Ursachen und negativen Folgen des Klimawandels, basierend auf soliden wissenschaftlichen Studien konnten bisher keinen ausreichend politisch handlungswirksamen sense of urgency vermitteln.Klimakommunikation sucht nach Wirkung, die sich in entsprechendem gesellschaftlichem Handeln und dem transformativen Gestalten einer Klimakultur niederschlagen sollte. Der Kampf gegen den Klimawandel braucht offenkundig eine Wende in der Kommunikation. Klappt es mit spannenden Geschichten vielleicht besser?

Zahlen und Fakten genügen nicht

Allgemein wird häufig angenommen, dass Menschen sich deshalb so wenig an Klimaänderungen anpassen, weil sie zu wenig über den Klimawandel und die damit verbundenen Gefahren wissen. Weit verbreitet ist der Ansatz: Wir müssen die Menschen besser informieren. Man setzt also auf noch mehr Studien, noch mehr Informationskampagnen und Broschüren.Dass das Wissen über den Klimawandel in den seltensten Fällen der ausschlaggebende Faktor für Handeln ist – weder für das Klimaschutzhandeln noch für das Handeln zur Anpassung an den Klimawandel, zeigt die umweltpsychologische Forschung aber immer wieder.

Umweltbewusstsein allein führt nicht zu geringerem Energieverbrauch, ergab eine Studie des Umweltbundesamtes (UBA)  im Jahr 2016.

Und auch eine Forschung des Fachjournals Nature Climate Change  hat erst kürzlich untersucht, wie sich Menschen dazu bewegen lassen, sich an die veränderten Klimaverhältnisse anzupassen. Denn Extremwetter wie Überschwemmungen, Hitzewellen und Dürren werden im Zuge des Klimawandels deutlich mehr Probleme bereiten. Als Ergebnis der Forschung konnten vier starke Motivationsfaktoren herausgearbeitet werden: Wahrnehmen, was die anderen tun („descriptive norms“), Sorge vor dem, was kommt („negative affect“),  Überzeugung, dass eine bestimmte Handlung etwas nützt („outcome efficacy“) und Vertrauen darauf, dass man selbst etwas ändern kann („self-efficacy“).

Wie auch in vielen anderen Handlungsbereichen des Umweltverhaltens zeigt die Studie, wie klein die Rolle offenbar ist, die das Wissen über Risiken und Probleme spielt. Weit einflussreicher hingegen sind emotionale Bindungen und wahrgenommene soziale Normen zum Anpassungshandeln.

Sogar über Seuchen wird optimistischer berichtet als über das Klima

Wenn es um wenig sinnvolle Klimawandel-Kommunikation geht, spielt neben bloßer Wissensvermittlung auch eine vorwiegend auf die negativen Folgen und Schreckensszenarien fokussierende Berichterstattung eine große Rolle.

Medienforscher in den USA  haben festgestellt, dass der Klimawandel – anders als die Berichterstattung über Seuchen, Epidemien und Naturkatastrophen – häufig bei der Schilderung auswegloser Situationen stehenbleibt. In den Nachrichten sehen wir Eisbären auf winzigen Eisschollen, indigene Bewohner, die als stumme Opfer dargestellt werden, fliegende Dächer und Häuser am Rande von Klippen, die abzustürzen drohen.

Der Heidelberger Zukunftsforscher Eike Wenzel diagnostiziert, dass sich die Debatten um den Klimawandel in einer „kommunikativen Sackgasse“ befinden: „Das Publikum steigt aus einer konstruktiven Klimadebatte aus – entweder aus Realitätsverweigerung oder weil sich Gefühle von Ohnmacht und Ausweglosigkeit breitmachen“.

„Diese Berichterstattung bringt Aufmerksamkeit, aber sie paralysiert auch viele Menschen, die das Gefühl haben, den übermächtigen Naturgewalten nichts entgegensetzen zu können“, stellt der Züricher Professor für Wissenschaftskommunikation Dr. Mike Schäfer fest.

Was ist also die Alternative?

Klimahandeln statt Klimawandel

Dr. Mike Schäfer zufolge, sollte Klimawandel-Kommunikation „das Abstrakte konkret erfahrbar machen. Man sollte das Komplexe in einfachen Bildern, die Wirkungen des Langzeitprozesses auf die Gegenwart, die Wirkungen in der Ferne anhand von konkreten Personen deutlich machen.“ Parallel dazu muss man möglichst konkrete Handlungsoptionen aufzeigen und die empfundene Selbstwirksamkeit des Publikums steigern. Denn gerade beim Thema Klimawandel stehen wir oft in der Zwickmühle: „Warum soll ich etwas tun, das mich jetzt etwas kostet und für einen Nutzen, der erst in Zukunft eintritt und vielleicht nicht sicher ist?“

„Wir brauchen also mehr Kommunikation über das Klimahandeln, weniger über den Klimawandel. Am einflussreichsten für das menschliche Handeln sind oft Normvorstellungen, also Vorstellungen darüber, was andere tun oder was andere von uns erwarten“, stellt Thorsten Grothmann, leitender Wissenschaftler am Lehrstuhl für Ökologische Ökonomie an der Universität Oldenburg fest. „Man sollte in der Kommunikation zum Klimawandel daher viel mehr über die vielen guten Vorbilder berichten und weniger darüber, wie viele Menschen immer noch in den Urlaub fliegen, statt den Zug zu nehmen. Denn letzteres wird oft als normative Information verstanden: ‚Wenn die Mehrheit immer noch fliegt, dann ist das wohl die Norm und ich kann das daher weiterhin tun‘.“

Positives Framing

Der Soziologe Harald Welzer prangert diese vorherrschende Visionslosigkeit an. Ein Nebeneffekt unserer Alarm-Kommunikation ist, dass eigentlich alle von einer schlechteren Zukunft ausgehen – und deshalb besser jetzt nochmal auf großem Fuße leben. Die Lust auf die Gestaltung von Zukunft aber bleibt dabei auf der Strecke. Statt “Weg von der Katastrophe!” können wir versuchen, uns “Hin zu einer attraktiveren Lebenswirklichkeit!” zu bewegen.

„Vor allem geht es um die große Erzählung“, appelliert auch George Marshall (Gründer der Organisation Climate Outreach) auf dem K3 Klima Kongress 2019. Seine Ratschläge gehen bis tief hinein in die Wortwahl. Statt der üblichen Formulierung, die Gesellschaften müssten sich anpassen an den Klimawandel sollte es heißen: „Wir müssen uns schützen, unsere Familien und Nachbarn verteidigen, nämlich das, was uns lieb und teuer ist“.

Wichtig ist vor allem „an die Werte der Menschen anzuknüpfen und beispielsweise durch ein geschicktes Storytelling oder Framing einen Bezug und Nähe zur direkten Lebenswelt der Menschen herzustellen“, betont Dr. Hannah Schmid-Petri, Professorin für Wissenschaftskommunikation an der Universität Passau. „Motivierend wirkt darüber hinaus die Anknüpfung an positive Emotionen oder die Vermittlung eines Gemeinschaftsgefühls im Sinne von ‚wir können das gemeinsam schaffen‘. Dies ist meines Erachtens auch einer der Gründe für den Erfolg von Greta Thunberg, da sie glaubhaft vermittelt, dass auch der/die Einzelne etwas bewirken kann.“

Demnach muss konstruktiv gezeigt werden, wie sich mit dem Klimawandel und der Perspektive auf eine nachhaltige Entwicklung neue Chancen ergeben, das eigene Umfeld positiv zu verändern. Viele der in den vergangenen Jahren entstandenen Graswurzel-Initiativen setzen genau hier an: Energiegenossenschaften versuchen, auf fossile Brennstoffe zu verzichten, Carsharing-Gruppen wollen eine neue Mobilität, Kleiderkreisel und Repair-Cafés propagieren ein Ressourcen schonendes Wirtschaften, das die Menschen zusammenführt. Die neuen sozialökologischen Bewegungen und Experimentierlabore bieten noch viel erzählerisches Potenzial, um das Metathema Klimawandel neu zu erzählen: lebendiger, sozialer, konstruktiver als bisher.  Und das ergänzend zu bestehenden und nötigen Deutungen, die vor allem mit Katastrophen, Technologien und Kosten zu tun haben.

Ungenutzte Erzählpotenziale erschließen

Um aus der „kommunikativen Sackgasse“ wieder herauszukommen scheint auch ein Blick in die Wissenschaft sinnvoll. Hier wird deutlich: Narrative Fragestellungen im Bereich des Umweltjournalismus fehlen im deutschen Forschungskontext bisher weitestgehend. Während es in den meisten anderen Ländern ähnlich aussieht, gibt es in den USA bereits einzelne Projekte wie das Climate Narrative Project an der University of Iowa oder das private Blog ClimateStoryTellers.

Das Forschungsprojekt „Neues Erzählen: Klimageschichten“ der Hochschule Darmstadt setzt an dieser Lücke an indem es der Frage nach bisher ungenutzten erzählerischen Potenzialen des Klimawandels nachgeht. Mögliche alternative Erzählformen um das Megathema Klimawandel anders anzugehen, könnten beispielsweise sein:

  • Selbstversuch: Relativ weit verbreitet im grünen Spektrum und damit nur noch als semi-alternativ zu bezeichnen ist die erzählerische Form, bei dem der Autor Produkte testet (E-Bike), an einem Kurs teilnimmt (Vegan leben) oder über eine gewisse Zeit auf etwas verzichtet (Plastik, Fleisch, Auto).
  • Vorbilder:Über Menschen zu berichten, die bereits etwas Unerwartetes geschafft haben oder es zumindest versuchen, kann inspirieren und zur Nachahmung einladen. Es gab bereits einige Serien zu „grünen Vorbildern“ („Green Minds“, Financial Times Deutschland; „Werkstatt Zukunft“,GEO).
  • Patchwork-Erzählung:Viele kleine Geschichten setzen sich zu einem Puzzle zusammen. Mit dieser Form lässt sich eine große Vielfalt zeigen und gegenseitiges Lernen fördern. GEO publizierte beispielsweise einen globalen Tag in der Welt der Wissenschaft oder Artenschutzprojekte in über 30 Ländern, die fast zeitgleich stattfanden.
  • Produktgeschichte:Hier wird die Produktion eines Gutes rund um den Globus thematisiert und dabei oft nach dem ökologischen Fußbadruck gefragt. Ein Klassiker dieser Form ist die Nordseekrabbe, die in Marokko gepult und dann wieder zurücktransportiert wird
  • Visionen und fiktive Szenarien:Für komplexe Zukunftsthemen besonders gut geeignet ist das Miteinbringen fiktionaler und fiktiver Elemente. Ein Beispiel ist die Serie im ZEIT-Magazin „Ich habe einen Traum“.
  • Fiktive Gerichtsverhandlung: Hier kann sehr kontrovers und gleichzeitig zielgerichtet ein komplexer Stoff aufgespaltet und aus ganz verschiedenen Perspektiven dargestellt und erzählt werden. ZEIT Wissen hat es mit einer fiktiven Verhandlung zur grünen Gentechnik 2013 vorgemacht.
  • Stoffströme:Der Einsatz von „natürlichen Narrative“ ist bei ökologischen Themen besonders sinnvoll. Sogenannten Stoffströmen zu folgen, entspricht der Regel „follow the money“, das heißt bei längeren Recherchen die Geldflüsse als roten Faden für den Plot zu nutzen. Wer einem Stoff im Ökosystem folgt, etwa dem Klimagas Methan, der ist einer organischen Dramaturgie auf der Spur, die eine eigene Spannung enthält. Und ebenso von Dünger handeln kann wie von Kuhmägen, Viehhaltung und arktischen Permafrostböden mit ihren enormen Methanmengen.
  • Helden benennen: Wer am Anfang der Geschichte die Hauptdarsteller mit Bildern vorstellt, sorgt zusätzlich für Spannung. Dies macht etwa das Portal InsideClimate News, das den Pulitzer-Preis für seine Klimageschichten erhielt.

Weitere Ergebnisse des Projekts wurden auf Grüner-Journalismus veröffentlicht.

Mit ungenutzten Erzählpotenzialen des Klimawandels hat sich auch Jacques Chlopczyk im Rahmen zweier Storytelling-Seminare beschäftigt und berichtet darüber ausführlich auf dem Blog „Beyond Storytelling“.  Die Teilnehmer brainstormten zu Fragen wie zum Beispiel: Wie können wir uns eine Zukunft vorstellen, in der sich die Lebensbedingungen auf diesem Planeten regenerieren? Was wären die Schätze, die wir am Ende dieser kollektiven Heldenreise finden würden? Chlopczyk resümiert am Ende, dass die Entfaltung der Zukunft stark von den Geschichten, die wir erzählen und den darin enthaltenden Metaphern beeinflusst wird. Die kollektive Vorstellungskraft der Menschheit ist eine Quelle der Kreativität – im Guten wie im Schlechten. Wir können wählen, in welche Geschichte wir eintreten: in eine Geschichte, in der es für alles zu spät ist. Eine Geschichte, in der wir feiern, während die Welt brennt. Oder wir können uns die Geschichte erzählen, wie wir zum Mars fliegen und die Gesellschaft dort neu aufbauen.

Quellen:

 https://www.handelsblatt.com/meinung/kolumnen/expertenrat/wenzel/expertenrat-eike-wenzel-der-kampf-gegen-den-klimawandel-braucht-eine-wende-in-der-kommunikation/25099292.html

https://www.fachjournalist.de/storytelling-und-klimawandel-klimageschichten-statt-statistik/

https://www.sciencemediacenter.de/alle-angebote/rapid-reaction/details/news/klimawandel-wer-hilft-den-menschen-sich-zu-aendern-teil-1/

https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/378/publikationen/texte_39_2016_repraesentative_erhebung_von_pro-kopf-verbraeuchen_natuerlicher_ressourcen.pdf

https://shorensteincenter.org/media-disengagement-climate-change/

https://www.nature.com/articles/s41558-018-0371-y

https://www.klimafakten.de/meldung/george-marshall-zur-eroeffnung-der-k3-konferenz-wir-haben-einen-sozialen-auftrag

https://www.klimafakten.de/meldung/gucken-was-andere-tun-oder-was-motiviert-menschen-sich-auf-klimarisiken-einzustellen

https://www.klimafakten.de/meldung/dystopien-epen-heldengeschichten-taugen-fiktionale-formate-bei-der-klimakommunikation

https://www.klimafakten.de/meldung/noch-mehr-studien-noch-mehr-broschueren-davon-muss-man-wegkommen

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