Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen: Der virtuelle Erzählraum

 In Storytelling

Eigentlich hätte der zweite Erzählraum am 16. Juni im Leonhardsviertel stattfinden sollen – die Veranstaltung musste aufgrund der derzeitigen Corona-Lage jedoch ausfallen. Stattdessen wurde der Erzählraum in die digitale Welt getragen und dort getestet. Ein Vergleich vom physischen Erzählraum im Dezember 2019 zum virtuellen Erzählraum im Mai 2020.

 

Erzählraum in der Stiftung Geißstraße

Am 10. Dezember 2019 feierte das Konzept des Erzählraums Premiere. 30 Menschen mit völlig unterschiedlichem Hintergrund trafen sich an diesem Abend in der Stiftung Geißstraße um sich gegenseitig Geschichten zu erzählen. Die Veranstaltung stellte ein Experiment dar: Ziel des Abends war es, wertfreies Zuhören zu ermöglichen und damit Empathie und gegenseitiges Verständnis zu schaffen. Dabei sollte keine Diskussion entstehen, die Meinungen oder Ansichten anderer bewertet. Stattdessen sollten konkrete Erfahrungen ausgetauscht werden. Wie die Initiatoren des Experiments Dr. Michael Kienzle von der Stiftung Geißstraße, Prof. Rainer Nübel, Professor an der HfWU Nürtingen-Geislingen und Prof. Michael Müller vom Institut für angewandte Narrationsforschung an der HdM Stuttgart erklärten, basiert das Format des Erzählraums neben Storytelling demnach vor allem auf Storylistening.

Es wurden Gruppen zu den Bereichen „Vergangenheit“, „Gegenwart“ und „Zukunft“ gebildet. Die Gäste wurden in drei Runden dazu aufgefordert, eine kurze Geschichte zu jedem der Bereiche zu erzählen. Der thematische Fokus lag auf persönlich erlebten, sowohl positiv als auch negativ wahrgenommenen, gesellschaftlichen Veränderungen.

Das Experiment wurde als voller Erfolg gewertet. So wurde durch die Erzählungen an den Tischen deutlich, welche Themen die Menschen bewegen – und das über Generationen und Schichten hinweg. Ein Spiegel der Gesellschaft sozusagen. Dadurch, dass Diskussion und Bewertung des Gesagten nicht stattfanden, musste keine Kritik befürchtet werden. Das ermöglichte Offenheit und schaffte Verbindungen und Empathie.

Erzählraum in der Stiftung Geißtraße Die Teilnehmer erzählen sich Geschichten, ohne diese zu kommentieren Die Teilnehmer hören der musikalischen Zusammenfassung von Toba & Pheel aufmerksam zu Geschichten schaffen Verbindungen zwischen den Teilnehmern

 

Erzählraum im Stadtquartier

Nachdem das Konzept des Erzählraums erfolgreich getestet wurde, sollte es auch anhand eines größeren Maßstabs eingesetzt werden. Konkret sollte der Erzählraum zum Zusammenleben im Leonhardsviertel und der Zukunft des Stadtquartiers stattfinden. Die Initiatoren wollten durch die Veranstaltung Verbindungen und gegenseitiges Verständnis zwischen den BewohnerInnen des sich im Umbruch befindenden Viertels schaffen. Der Erzählraum sollte dabei auch in den Rahmen der Aktivitäten der Internationalen Bauausstellung 2027 Stadtregion Stuttgart gestellt werden, da diese sich ebenfalls mit der Sicht auf die Zukunft beschäftigt.

Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen: Der virtuelle Erzählraum

Aufgrund des Coronavirus und der dadurch ausgelösten Situation, war es leider nicht möglich, den Erzählraum wie geplant am 16. Juni 2020 im Leonhardsviertel zu veranstalten. Die Initiatoren suchten nach einer Möglichkeit, um den Erzählraum dennoch erneut stattfinden zu lassen. Die Wahl fiel auf einen virtuellen Erzählraum über Videotelefonie. Da diese Form des Erzählraums bisher noch nicht getestet wurde, fand sich ein kleiner Kreis an Freiwilligen, um beim erneuten Experiment mitzumachen. So versammelten sich Menschen jeden Alters und mit unterschiedlichen Hintergründen, von der Studentin bis zum Pensionär, im Mai 2020 im virtuellen Erzählraum.

Das Konzept war dasselbe wie im Dezember: Die TeilnehmerInnen wurden auf drei Gruppen aufgeteilt. Wieder gab es die Bereiche „Vergangenheit“, „Gegenwart“ und „Zukunft“, dieses Mal jedoch mit thematischem Bezug zur Coronakrise. Gearbeitet wurde mit sogenannten Breakout-Rooms, die das virtuelle Gespräch in Kleingruppen ermöglichen. Die Gäste rotierten durch die Themenbereiche und sollten wieder drei persönliche Geschichten erzählen:

Vergangenheit: Was war ein Erlebnis zu Beginn der Coronakrise, das besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Gegenwart: Was ist in dieser Zeit an Kreativität und Innovationen entstanden?

Zukunft: Was soll von der Krise bleiben? Was soll sich ändern?

Erzählt wurden Geschichten zur Oma, die lange nicht mehr besucht werden konnte. Zum eigenen Blog, der durch die gewonnene Zeit endlich in die Realität umgesetzt werden konnte. Zum neu ins Leben gerufenen (digitalen) Dorfgespräch, das die BewohnerInnen in einer ganz neuen Art und Weise zusammenbrachte. Erneut wurde deutlich, dass uns Menschen ähnliche Themen bewegen und dass wir unsere eigenen Gedanken und Anliegen in den Geschichten anderer wiederfinden.

Fazit zum virtuellen Erzählraum

Nachdem alle Geschichten erzählt waren, kamen die TeilnehmerInnen im Hauptraum für eine Feedbackrunde zusammen. Es sollte evaluiert werden, ob diese Form des Erzählraums für zukünftige Veranstaltungen genutzt werden könnte. Insbesondere sollte der Erzählraum über Videotelefonie dem physischen Erzählraum von Dezember gegenübergestellt werden.

Das Fazit der Gäste zum virtuellen Erzählraum war durchweg positiv. Besonders hervorgehoben wurde die gesteigerte Konzentration im virtuellen Erzählraum. Dadurch, dass die TeilnehmerInnen alleine vor dem Bildschirm saßen anstatt in einem Raum voller Menschen, hätten sie sich besser auf das Erzählte konzentrieren können. Die Atmosphäre wäre dadurch sogar noch persönlicher geworden – und das trotz räumlicher Trennung. Ein weiterer Aspekt, der sich bei dem Experiment als positiv herausstellte, war der Umgang mit der Technik. Während jüngere TeilnehmerInnen Videokonferenzen täglich für Hochschule, Arbeit oder das Gespräch mit Freunden nutzten, hatten andere bisher wenig Berührungspunkte mit der Kommunikation über Videotelefonie. Dennoch kamen alle TeilnehmerInnen gut mit der Technik zurecht.

Dieses Beispiel zeigt, dass auch in schwierigen Situationen funktionierende Lösungen gefunden werden können. Dabei ist es wichtig Initiative zu zeigen, offen zu sein und den Mut zu haben, Dinge auszuprobieren, auch wenn diese scheitern könnten.

 

Wir hoffen, bald wieder viele Menschen zu einem Erzählraum begrüßen zu können. Sei es virtuell oder physisch – die Geschichten finden ihren Weg.

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Chiara Hiller hat den Blog #ChangeNow in's Leben gerufen